GLAUBST DU NOCH ... oder denkst du schon?

Freude ist nur ein Mangel an Information.

Nico Semsrott (11986- HE), dt. Kabarettist und Politiker

Quelle: Es handelt sich um den Titel seines ersten Soloprogramms, 12012 HE

Plädoyer gegen die Genderisierung der Sprache

11.10.12020 HE

Die Genderisierung der Sprache sollte ursprünglich erreichen, dass Frauen sichtbarer werden: Es gebe eben nicht nur Wissenschaftler, Schriftsteller, Bundeskanzler, sondern auch Wissen­schaft­ler­inn­en, Schrift­stel­ler­innen und Bun­des­kanz­ler­innen. Frauen waren, so der Gedanke, zu allen Zeiten mehr oder weniger stark beteiligt an der Entwicklung von Wissenschaft und Kunst, an Politik und Alltag. Und das sollte sichtbar werden und nicht verdeckt bleiben hinter dem nicht immer generisch verstandenen Maskulin. Wis­sen­schaft­ler z. B. waren auch tatsächlich Männer, und das wurde auch gedacht, wenn man das Wort las. Dieses Denken sollte aufgebrochen werden, und das entsprach dem klassischen Emanzipationsgedanken. Soweit, so gut - dagegen ist nichts zu sagen.

Dann wurde mit dem Genderismus eine Ideologie daraus, derzufolge es eine weibliche Wissenschaft im Unterschied zu einer männlichen Wissenschaft geben sollte. Der weibliche Blickwinkel sollte demnach zu anderen Ergebnissen führen, und zwar auch in der "harten", exakten Wissenschaft, der Naturwissenschaft. Eine weibliche Biologie und eine weibliche Physik sollte es geben. Im Grunde sollte es damit nicht nur eine Realität, sondern irgendwie mehrere geben, "alternative" Realitäten, "alternative" Fakten. Das erinnert an die alternative Medizin, an alternative Politik: Da gibt es die Realwissenschaften, welche die Realität untersuchen, und dann gibt es noch was ganz Anderes, Alternatives, eine alternative Wissenschaft, und die untersucht dann wohl eine ganz andere Realität, die irgendwie ganz anders funktioniert, wohl nach eigenen Naturgesetzen. Damit wird der Wissenschaft der gemeinsame Boden entzogen, denn in der Wissenschaft geht man von der Existenz einer echten, eben der Realität aus, das, worauf man sich anhand objektiver (Mess-) Daten einigen kann, das, was bleibt, wenn man aufhört, daran zu glauben. Diese Genderismus genannte Ideologie ist darum im Kern wissenschaftsfeindlich.

In der Sprache geht es heute längst nicht mehr nur um Frauen, es geht um die Vermeidung jeglicher - tatsächlicher oder auch nur unterstellter - Dis­kri­mi­nie­rung. Was ist mit all den anderen, die auch diskriminiert werden, was ist mit Homo- und Bisexuellen sowie Transgenderleuten? Aber, wenn wir schon dabei sind, was ist mit Schwarzen? Türken? Moslems? Und was ist mit Dicken und Dünnen, den zu Großen und den zu Kleinen? Wie das alles berücksichtigen? Weder Gendersternchen noch Binnenmajuskeln können das auch nur ansatzweise leisten! Auch Abkürzungen wie LGBTXYZ werden immer jemanden vergessen, ihn also diskriminieren.

Im Angelsächsischen versucht man schon seit Jahrzehnten einen gänzlich anderen Weg. Selbstverständlich war Margret Thatcher "prime minister" und nicht "prime ministress". Man unterscheidet also zwischen dem Amt und der Person. Auch eine Person weiblichen oder sonstigen (tatsächlichen oder nur her­bei­fan­ta­sier­ten) Geschlechts ist ein vollwertiger, echter prime minister, ohne jeden Abstrich. Was unterscheidet denn eigentlich die "Bundeskanzlerin" Dr. Merkel von einem "echten" Bundeskanzler? Frau Prof. Süßmuth bestand damals noch auf ihrem Amtstitel "Bundestagspräsident". Damals fand ich das seltsam altmodisch, sie war doch eine Frau, warum stand sie nicht dazu ... aber die Zeiten haben sich geändert: Heute finde ich das sehr modern! Der englische Guardian, ein Blatt der feministischen Linken, fing zu einem Zeitpunkt, als in Deutschland gerade die progressiven, ebenfalls linken und natürlich feministischen Blätter immer mehr die Schauspieler zu "Schauspielern und Schauspielerinnen", zu SchauspielerInnen, später zu Schau­spie­ler*innen oder gar (falsch!) zu Schauspielenden (Schauspieler machen auch mal Pause und sind dann gerade nicht "schauspielend") machten, gerade damals also, fing der Guardian an, konsequent auf das rein generische(!) Maskulin zu setzen.

Man strich nun die actress genauso wie authoress, oder die comedienne, die manageress, lady doctor, male nurse (bei uns vielleicht der Krankenbruder zur Krankenschwester?) und verwendete für alle Ge­schlech­ter (und für die zu großen und zu kleinen, die Schwarzen und die Türken, die LGBTXYZ und alle anderen, die ich hier auch schon wieder vergessen oder absichtlich(!) weggelassen habe) nur noch das eine, generische, also allgemeine oder verallgemeinernde Maskulin.

Ich hatte mal eine Kollegin, die sich selbst als Informatiker bezeichnete. Also "Ich bin Informatiker." und nicht "Ich bin Informatikerin.". Ich fand das falsch, da sie ja nun nicht mehr allgemein vom Beruf, sondern konkret von sich als Person sprach, und da sie nun mal eindeutig eine Frau war, sollte die also Informatikerin sein. Aber das ist nur Gewohnheit! Nichts ist falsch daran, wenn eine Frau betont, dass sie ohne jede Einschränkung ein echter und wirklicher Informatiker ist, diesem Berufsstand also ohne Unterschied zu den männlichen Kollegen angehört, ihn genauso gut ausüben kann, wie ein Mann, oder wie ein Türke, ein Dicker oder Dünner etc.

Es ist doch gerade die Stärke des generischen Maskulins, die (vermeintlichen) Unterschiede hinter der gemeinsamen, verallgemeinerten Form verschwinden zu lassen! Und wie einfach und modern es klingt, wenn zukünftig nur noch von Lehrern, von Schülern und Studenten, von Bäckern und Krankenpflegern (wie altmodisch: Kranken"schwester", wie aus längst vergangener Zeit, als man noch "Fräulein" sagte), von Busfahrern und Sekretären und Buchhaltern gesprochen wird! Und wie avantgardistisch eine Firma sich geben würde, suchte sie in ihren Annoncen nur noch nach Sekretären und Mechanikern, ohne jegliches m/w/d - ja, "d" für divers muss man jetzt auch schreiben! - die möglichen Klagen würde ich riskieren und vor Gericht den Klägern eine Nachhilfe in Diskriminierungsfreiheit des generischen Maskulins zukommen lassen!

Die erweiterte Senat der Universität Leipzig beschloss, in der Grundordnung der Universität (und nur in diesem Dokument!) grundsätzlich die feminine Form zu verwenden, mit der Begründung, dass an dieser Universität Frauen in der Mehrheit seien. Und dabei ist die Lösung so einfach, und führt zu so einer eleganten Sprache, auch zu einer kürzeren, und die Geschlechter spielen tatsächlich keine Rolle mehr. Wenn man sich nicht darauf verlassen kann, dass der Bäcker ein Mann ist, dann verändert sich auch das Wort mit seinen Assoziationen: Man wird nicht mehr automatisch an einen Mann denken. Und Fr. Dr. Merkel wäre tatsächlich ein vollwertiger Bundeskanzler, ohne jede Einschränkung.

www.glaubst-du-noch.de/ix005NeutraleSpracheMitGenerischemMaskulin.php | Stand 25.09.12021 HE 02:13