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Ein Plädoyer für die Werte der Aufklärung als Leitkultur

Gastbeitrag von Michael Zabawa.

Spätestens seit der Flüchtlingskrise ist die Idee von einer Leitkultur ein vieldiskutiertes Thema. Üblicherweise wird Leitkultur mit den Wertevorstellungen der hiesigen Gesellschaften gleichgesetzt, in welche Zuwanderer mit Bleibeperspektive zu integrieren seien. Angesichts ihrer vielfältigen kulturellen Hintergründe und der bereits vorhandenen Kultur der Einheimischen erscheint das vordergründig einleuchtend, um kulturelle Differenzen zu überbrücken. Ganz so einfach stellt sich die Sache beim näheren Hinsehen natürlich nicht dar.

Eine Leitkultur darf nicht ausgrenzen

Lässt man die Kritik an der Eignung des Begriffs Leitkultur zur Umschreibung gemeinsam zu teilender Werte beiseite, so ertönt häufig folgender Einwand: Die Leitkultur stelle sich über andere Kulturen und wolle diese von oben herab anleiten, was ausgrenzend und keinesfalls integrierend wirke. Manche, wie die Vertreter einer christlich-abendländischen Leitkultur, scheinen diese Position zu teilen. In der Tat ist dies nicht integrationsförderlich, denn andere Religionen oder außereuropäische ethnische Zugehörigkeiten (wie Kurden, Araber, usw.) werden weder ohne weiteres aufgegeben, was einer Assimilation in die Leitkultur gleichkäme, noch wird eine Bevormundung durch eine andere Kultur, die man allenfalls auf Augenhöhe wähnt, akzeptiert.

Jedoch ist die eigentliche Idee hinter der Leitkultur eine gemeinsame Wertebasis, die auf individueller Ebene beim Citoyen/Citizen, also dem Staatsbürger ansetzt und diesem eine staatsbürgerliche Identität bietet (vgl. Bassam Tibi: Leitkultur als Wertekonsens. Bilanz einer missglückten deutschen Debatte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Ausgabe 1-2/2001). Von einer hierarchischen Überordnung einer bereits bestehenden Kultur über andere ist keine Rede. Sodann kann sich der/die Einzelne sich seiner Abstammungskultur zugehörig fühlen und zugleich als Teil einer anderen Gemeinschaft begreifen. Was taugt aber als ein solches Bindeglied?

Bevor das geklärt wird, soll noch präzisiert werden, was genau gefordert wird. Erforderlich ist nicht weniger als ein Wertekanon, der zum friedlichen Miteinander anstiftet und den Gemeinsinn unter Staatsbürgern fördert. Aber auch nicht mehr. Weltanschauliche Dinge, die leicht in unerbittlich vertretene Dogmen umschlagen und mehr spalten als versöhnen, müssen außen vor bleiben. Sonst wäre man wieder bei der kulturellen Überordnung. Selbst dann ist eine Abwehrhaltung bei den zu überzeugenden Zuwanderern nicht ausgeschlossen, denn jedes Werben für Werte kann als ein unfreundlicher Missionierungsversuch missverstanden werden. Der Tonfall sollte daher nach Möglichkeiten unaufdringlich sein.

Werte der Aufklärung bieten die Lösung

Diesen Forderungen werden die Werte der Aufklärung gerecht. Wie keine andere Denkrichtung will die Aufklärung durch bloße Anleitung zur Vernunft, Demokratie, Diskurs und Achtung von Anderen (durch Toleranz, Gleichbehandlung und Solidarität) niemandem eine Weltsicht aufzwingen, sondern ganz im Gegenteil vor dem Hereinfallen auf Dogmen bewahren. Stellvertretend dafür steht Immanuel Kants Leitspruch der Aufklärung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Zugleich zielen diese Werte unzweifelhaft auf ein friedliches Zusammenleben in geordneten Bahnen. Sodann bleibt Raum für aufgeklärte Religiosität, Atheismus oder auch politischen Pluralismus auf dem Boden der Demokratie.

Absolute Verbindlichkeit liest man hier nicht heraus. Dennoch ist ein zum Gedanken der Leitkultur passender Geltungsanspruch gegeben, der eben durch individuelle Anleitung und Überzeugung mehr Erfolg verspricht als gruppenbezogene Bevormundung. Im selbstverleugnenden Relativismus schweben die Werte der Aufklärung also auch nicht. Natürlich bürgt das nicht für die beste Lösung der Integrationsaufgabe, aber Vieles spricht für diesen unideologischen Mittelweg. Aus diesen Überlegungen heraus entstand übrigens die Idee für die folgende Petition: Werte der Aufklärung als europäische Leitkultur.

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