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Massenevangelisierung mit verdeckten Karten

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An die Stuttgarter Zeitung, Leserforum.
Von Werner Koch.

Referenz: StZ vom 25.2.2013 „ProChrist lädt zum Eintopf ein“

Sehr geehrte Redaktion, anbei ein Leserbrief zum Verein ProChrist

Der Verein ProChrist betreibt massiv Werbung für eine Evangelisationswoche in der Porsche-Arena. Alles kostenlos: Gaisburger Marsch, acht Abendveranstaltungen in der Porsche-Arena mit Musik und Künstlern – und Prediger Ulrich Parzany.

Was steckt dahinter? Eine ökumenische Allianz christlicher Kirchen, die sich an den amerikanischen Bewegungen ein Beispiel nimmt und versucht, damit Menschen wieder für den christlichen Glauben zu gewinnen: mit Emotion, Stimmung, Musik und charismatischen Predigten.

Es ist eine evangelikale Bewegung – ohne dass das Wort verwendet wird. Man spricht lieber von einer überkonfessionellen Bewegung. Evangelikal – das klingt zu sehr nach gefährlichem Irrsinn, nach Fernsehpredigern. Lieber sehen sich die Gemeinden als bibeltreu, pietistisch – ein bisschen mehr als „evangelisch“, schon beinahe katholisch.

Ebenso halten sie sich mit den fundamentalen Positionen zurück, weil man da sehr schnell auf Kritik und Ablehnung stößt: militante christliche Lebensschützer, die selbst nach einer Vergewaltigung gegen eine Abtreibung sind, kommen in der Öffentlichkeit nicht gut weg. Das hat selbst die rechte Tea-Party in den USA gelernt. Die Ablehnung der Homosexualität wird nur zurückhaltend geäußert. Auch die Wissenschaftsfeindlichkeit ist in der heutigen Zeit schwer zu erklären. Dennoch wird es versucht, indem man die Schöpfungsgeschichte, nach der die Erde und Menschheit 6.000 bis 10.000 Jahre alt sind, in christlichen Bekenntnisschulen zunächst neben die Evolutionsbiologie Darwins stellt. Man nennt das „Kreationismus“ oder die „akademisierte“ Variante: „Intelligent Design“. Eigentlich will man die Biologiebücher umschreiben und die biblische Schöpfungsgeschichte hineinschreiben. Da auch die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der Geologie und Kosmologie, die Relativitätstheorie und die etablierten Altersbestimmungen mit der Schöpfungsgeschichte unverträglich sind, muss auch hier der Stand der Wissenschaft dogmatischen Erklärungen weichen.

Eine Allianz von christlichen Kirchen unterstützt diese Bewegung um wieder Anhänger zurück in die Kirche zu führen. Dass man dazu wissenschaftlich wieder auf ein mittelalterliches Niveau zurückfällt, nimmt man in Kauf. Für ein Land wie Deutschland, das auf Bildung, Wissenschaft und Technik angewiesen ist, eine bedauerliche Entwicklung.

Trotzdem: evangelikaler Fundamentalismus und seine Anhänger sind bis jetzt noch harmloser als islamistischer Fundamentalismus oder Nazi-Terror. Eine Erfahrung mit missionarischen fundamentalistischen Bewegungen lehrt uns jedoch: sie sind nur tolerant, solange sie in der Minderheit sind.

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